Redaktionsmitglied bei kwerfeldein.de

Bereits seit einigen Monaten bin ich nun festes Redaktionsmitglied bei www.kwerfeldein.de und schreibe dort eigene Artikel, stelle Fotograf/innen für das Magazin vor und teile meine Rezensionserkenntnisse zu Fotobüchern oder Büchern die von Fotografie im weitesten Sinne handeln mit. Für Anregungen, Kritik oder Vorschläge für Vorstellungen oder Themen bin ich jederzeit offen. 

Die Redaktion stellt sich vor: Tabea Borchardt

Gestatten, Tabea Borchardt, 26 Jahre jung, wohnhaft im schönen, grünen (!) Ruhrpott in NRW.

Vom anfänglichen Experimentieren in der eigenen Dunkelkammer über das freischaffende, autodidaktisch erlernte Fotografieren bis hin zum aktuellen Studium an der Folkwang Universität der Künste in Essen – die Fotografie war irgendwie immer dabei. Einfach so. Dies führte zu dem Ergebnis, dass sie sich nun in beinahe alle beruflichen und privaten Lebensbereiche eingeprägt hat, vielleicht kein leichter von mir eingeschlagener Lebensweg; jedoch ein frei gewählter – der in diesem zarten Alter wohl noch nicht in Stein gemeißelt ist, sich jedoch zusehends verfestigt. Die Entscheidung zur Fotografie war lange Zeit keine bewusste „Ich werde Fotografin“-Sache; obwohl ich seit meinem 14. Lebensjahr eine eigene Dunkelkammer besaß, die meine Eltern mir zum Geburtstag geschenkt hatten. Vielleicht hat dies meine späteren Entscheidungen maßgeblich mit beeinflusst. 

Irgendwie machte ich so nebenbei immer Bilder. Auf Reisen, während der Konzerte im Jugendzentrum in dem ich aushalf, auf einem mit Freunden gemeinsam organisiertem Festival. Mal planschte ich ein wenig probehalber mit Chemie in der Dunkelkammer herum – jedoch nie wirklich mit einem großen Ziel vor Augen.Technisch betrachtet darf ich die Ergebnisse, die damals entstanden sind, heute wohl kaum noch aus der Schublade holen… auch wenn fachlich richtig angewendete Technik mir heute deutlich wichtiger ist als früher, so ist es dennoch immer noch nicht so, dass technische Perfektion reicht, um mich vom Hocker zu hauen. Mir geht Fotografie nahe, die einen Hintergrund hat. Eine persönliche Geschichte erzählt oder historische Geschehnisse aufdeckt oder neu beleuchtet. Als ich nach meinem Schulabschluss zum Arbeiten nach Hamburg zog, folgte die Fotografie mir damals unauffällig. Saß ich doch eigentlich in einem Büro, fotografierte ich nach und nach immer mehr Menschen, die ich aus einer Laune heraus übers Internet kontaktierte. Und aus purem Interesse am Gefühl des Fotografiertwerdens ließ ich mich selbst über die Jahre hinweg portraitieren, saß Modell für Zeichenkurse und versuchte herauszufinden, was ich wirklich machen möchte. Heute sind Menschen eher selten direkter Bestandteil meiner Bilder.

Die Jahre zogen dahin, ich habe mehrere Jobs ausprobiert, da fiel mir dann doch endlich die eine Konstante auf: die Fotografie. Egal wohin ich mich orientierte, sie blieb da. Also bewarb ich mich für ein Fotografiestudium. Eine Ausbildung in einem klassischen Studio war für mich nach einem Praktikum keine Frage mehr – ich wünschte mir mehr Hingabe, Freiheiten im Umgang mit dem, was ich fotografieren möchte und keine immer gleichen Halbprofil-, Sitzend-, Pass- und Portraitfotos. Auch wenn ich Angst hatte, dass ich in einem Studium wohlmöglich fremdgesteuert oder beeinflusst werden würde. À la „Ah, man sieht, Du bist Studentin bei XY!“ Zudem wünschte ich mir auch schon damals eine tiefschürfendere Auseinandersetzung mit dem Thema Bild. Vielleicht spielen da meine Interessen im Bereich der Psychologie und im Umgang zwischen Menschen mit hinein. Während der Bewerbungsphase erlebte ich eine persönlich sehr schwierige Zeit: Mein Vater erkrankte an Darmkrebs und wurde von uns nach seinen Wünschen zuhause gepflegt. Erst wollte ich in diesem Moment alles inklusive der Fotografie hinwerfen, doch es war mein Vater, der immer und immer wieder darauf bestand, dass ich tue, was für mich und meine Zukunft wichtig ist. Unabhängig von seiner Situation. 

Als Kind zweier Freiberufler war mein Elan so oder so quasi angeboren und ich versuchte, trotz der schwierigen Zeit an meiner Zukunft weiterzuarbeiten. Natürlich war mir bewusst, dass auf meine Situation nicht ewig Rücksicht genommen werden würde. Die im Folgenden sehr intensive fotografische wie persönliche Beschäftigung mit Krebs, palliativer Versorgung und Pflege zieht sich bis heute, zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters, durch meine Arbeiten. Die Fotografie in diesem sensiblen Gebiet zeigte mir, dass man Menschen berühren und bewegen kann. Vielleicht auch dazu mobilisieren kann, sich mit meines Erachtens relevanten Thematiken auseinanderzusetzen, andere Blickwinkel und Positionen einzunehmen und mit Hilfe der Fotografie vielleicht sogar Dinge und Handlungen verstehen zu lernen oder sich zumindest damit auseinanderzusetzen. Bereits damals wurde mir klar, dass ich die Fotografie gern nutzen möchte, um Wichtiges zu visualisieren. In Gang zu setzen. Reine Ästhetik oder dekorative Fotografie ist natürlich auch ein Feld der Fotografie, doch ich merkte früh, dass nur schön mir nicht lange genügte. 

Währenddessen, 2013, wurde ich an der Folkwang Universität aufgenommen. Ein Privileg, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Umso größer war die Freude! Der theoretische Input und die mannigfaltigen Möglichkeiten in handwerklichen Werkstätten (Buchbinderei, Bleisatz, …) beflügelten mich. Seit dem Beginn meines Studiums sind unter anderem zwei Bücher entstanden, beide behandeln thematisch das Thema Sterben und Nachlass. Das Sein, Da-sein und Da-gewesen-Sein. Zudem ist Geschichte für mich ein wichtiges Thema: Wieso sind die Dinge so wie sie sind? Zusätzlich interessiere ich mich mehr und mehr für Materialitäten, Bildträger, Darstellungsformen; Möglichkeiten von Ausstellungsrealisationen sowie den Umgang mit Menschen im Bild. Wie kann man zum Beispiel die Würde des Menschen, historische Relevanz und Fotografie miteinander vereinen, ohne dass Personen oder die Geschichtsschreibung leiden? Aktuelle Straßenfotografie-Debatten zeigen, dass viele Menschen – auch durch den technologischen Wandel bedingt – sich ähnliche Gedanken machen. Meine Beschäftigung mit der Fotografie stellt nun immer mehr Fragen. Fakt ist, dass ich unheimlich viel Archivmaterial habe, zusätzlich dazu Fremdmaterial, das ich ebenfalls gern in meine Arbeiten einwebe – jedoch habe ich noch nie so wenig fotografiert wie seit dem Beginn meines Studiums.  Dafür ist die Essenz dessen, was ich nun für freie Arbeiten fotografiere, wie ich finde, dichter, weniger beliebig. Auch, wenn ich eine Sammlernatur bin und es massig Material gibt, das wohl noch viele Jahre darauf warten wird, in einer Arbeit verpackt zu werden, geht es kontinuierlich vorwärts.

Neben dem Studium gebe ich zudem Kinderkunstkurse in Niedersachsen, Hamburg und Essen. Die Arbeit mit allen Materialien (unter anderem Holz, Papier Ton, Gips, Stoff) sowie den Kindern im Alter von vier bis 17 Jahren ist eine sehr schöne Bereicherung und Verknüpfung mit meiner fotografischen, kreativen Arbeit. Die Fragen der Kleinsten sind meist die spannendsten: Woher kommen die Farben? Hören die Dinge auf, Dinge zu sein? – um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Und sie regen oft zum Nachdenken an. Inhaltlich bewege ich mich fotografisch auf mehreren Ebenen. Fotobücher liegen mir sehr am Herzen, so kann ich meine Leidenschaft für Handwerkliches mit der ebenfalls handwerklichen Fotografie verknüpfen. Innerhalb der Fotografie bin ich nicht festgelegt auf analog oder digital. Ich mag es, Barytabzüge in der Dunkelkammer zu erstellen ebenso, wie ich es schätze, eine digitale Bilddatei zu einem Abschluss zu bringen – sei es in Buchform oder als Druck. Das Leben der Dinge, deren Spuren von Erinnerungen und Verknüpfungen mit ihrer eingeschriebenen Geschichte und den Hinterlassenschaften von Menschen begeistern mich ebenso wie das Festhalten von vielleicht banal anmutenden Situationen oder Begebenheiten. Der Witz der Fotografie und das Entlarven unserer Sehgewohnheiten mittels fiktiver Sehwelten und willkürlich oder gezielt erstellten Geschichten mithilfe von Archivmaterial ziehen mich ebenso in ihren Bann. 

Die Entscheidung, meine Gedanken und Beschäftigungen hier bei kwerfeldein zu teilen und auszuformulieren basieren darauf, dass ich den Austausch mit Menschen mag. Ich suche keine reine Zustimmung für Thesen, die ich vielleicht innerhalb meiner Artikel aufstelle, sondern wünsche mir Auseinandersetzung und Kommunikation über das von mir gewählte Medium Fotografie. Natürlich ist es auch für mich bereichernd, selbst andere Perspektiven aufgezeigt zu bekommen, die mir vielleicht entgangen sind oder die ich schlicht (noch) nicht kennen kann. Ein Altersdilemma. Neben der Onlinewelt sind mir hierfür Ausstellungen sehr wichtig. Denn nichts ist schöner, als echte Fotografien in Buch- oder gedruckter Form. Vielleicht ist die Fotografie mir auch daher so wichtig, da ich Dinge gern visuell oder auch verschriftlicht festhalte. Neben der Fotografie besuche ich auch gern Ausstellungen in anderen Bereichen, tausche mich mit anderen Künstlern und Nichtkünstlern aus, um auch über den Tellerrand hinweg Eindrücke sammeln zu können.

In diesem Sinne hoffe ich, interessante Artikel zu kwerfeldein beisteuern zu können und freue mich auch jederzeit über Themenanstöße oder Vorschläge sowie Feedback – denn für mich steht fest, dass der Prozess des Lernens lebenslänglich anhält und nur ein Zugewinn sein kann.

Tabea Borchardt